Côte d'Armor in der Region Bretagne
Valentina



Valentina hat ein Jahr im Rahmen des Erasmus-Programms in Paris verbracht und berichtet uns von ihren Erfahrungen…



1) Erzähl’ uns ein bisschen über dich und deinen Werdegang, Valentina.

Ich heiße Valentina, ich bin Österreicherin seitens meiner Mutter und Griechin seitens meines Vaters. Ich habe einen Teil meiner Kindheit in Griechenland verbracht, seit Schulbeginn aber permanent in Wien gewohnt. Jetzt studiere ich an der Universität Wien zwei getrennte Bachelor-Studiengänge, nämlich im letzten Semester Transkulturelle Kommunikation (also Dolmetschen und Übersetzen) in den Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch und im 2. Jahr Politikwissenschaft. Von September 2010-Juni 2011 habe ich in Paris an der Universität Paris Diderot Übersetzen studiert.



2) Wieso Frankreich und wieso Paris ?

Ich habe in der Schule Französisch gelernt und mit 16 Jahren an einem Schüleraustausch via der Organisation AFS (Austauschprogramme für interkulturelles Lernen) teilgenommen. Dabei habe ich 6 Monate bei einer Gastfamilie in Brest verbracht und bin in ein französisches Gymnasium vor Ort gegangen. Vor meinem Austausch habe ich ein bisschen Französisch sprechen können, allerdings ein sehr „Schulisches“. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich nach der Ankunft nicht einmal mehr wusste, welchen Artikel das Wort „Tür“ im Französischen hat, so unsicher war ich auf einmal! Im Land konnte ich aber zum Glück meine Sprachkenntnisse sehr schnell verbessern. Während meines Aufenthaltes habe ich auch eine Woche in Paris verbracht und mich sofort in die Stadt verliebt. Nach meiner Heimkehr hatte ich nur eine Sache im Kopf: So schnell wie möglich dorthin zurückfahren. Das hat auch den Ausschlag gegeben, warum ich mich letztes Jahr entschieden habe, als Erasmus-Studentin nach Paris zu gehen und ich habe nach wenigen Wochen gleich um Verlängerung angesucht.



3) Berichte und von deinem Eramsus-Aufenthalt. Auf welche Schwierigkeiten bist du gestoßen?


Vor meiner Abreise nach Brest hatte ich natürlich (so wie alle) ziemlich viele Vorurteile: Ich dachte, die Franzosen wären die « Baguette- und Froschfresser », wie sie im Buche stehen. In Brest hat sich das Bild jedoch sehr schnell gewandelt und ich hatte die Möglichkeit, Frankreich besser und wirklich kennenzulernen und habe erkannt, dass die Klischees oft sehr weit von der Realität entfernt sind. Deswegen habe ich mich besonders auf meinen Aufenthalt in Paris gefreut: Einerseits wusste ich schon, was mich erwartet, andererseits konnte ich die Pariser (die ja definitiv eine Klasse für sich sind ;-)) kennenlernen und mich nicht nur als Touristin fühlen.
Die größte Schwierigkeit stellte bei Weitem die Suche nach einer Unterkunft für mich dar; aus der Entfernung ist es nicht leicht, eine Wohnung zu finden. Drei Tage vor der Abreise hatte ich noch immer nichts ausfindig gemacht und war schrecklich nervös! Letztendlich habe ich aber eine WG im 18. Bezirk von Paris gefunden, wo ich einen Monat verbracht habe, bevor ich meine definitive Bleibe für das Jahr gefunden habe. Ich wollte nicht über ein Immobilien-Büro gehen, da die Spesen unglaublich hoch sind, bin aber bei einer Internet-Recherche auf die Seite
www.appartager.com gestoßen, wo ich schließlich auch meinen zweiten (französischen) Mitbewohner im 11. Bezirk kennengelernt habe. Trotz des hohen Mietpreises von 500€/Monat habe ich mich sofort sehr wohl gefühlt in unserem Viertel und mein Mitbewohner und ich waren ein Herz und eine Seele. Jedenfalls ist es um Vieles einfacher, vor Ort eine Unterkunft zu finden, wenn man die Stadt schon besser kennt und sich die Wohnungen anschauen kann.

Als AusländerIn ist man in erster Linie vor allem mit praktischen Problemen in seinem neuen Zuhause konfrontiert: Ein Bankkonto eröffnen, einen Handytarif finden.. das gerade zu Beginn oft noch fehlende Vokabular verkompliziert die Sache zusätzlich. Aller Anfang ist schwer, aber wenn diese Hürden einmal überwunden sind, hat man für den Rest des Jahres seine Ruhe.
Französische Studenten haben mir ihre Hilfe angeboten und man sollte nicht zögern, sich gerade am Anfang helfen zu lassen!



4) Was gibt es über das Universitätswesen zu sagen ?

Die Österreicher halten das französische Universitätssystem für elitär, ihren Absolventen öffnen sich jedoch auch viele Türen, die anderen verschlossen bleiben. Meine Erwartungshaltung war von Anfang an sehr hoch, letztendlich war mein Studium nicht immer mit dem Angebot in Paris kompatibel und es war ein ziemliches Geduldsspiel mir ein „Learning Agreement“ zu erstellen, da die Kurslisten auf Aushängen an der Wand zu finden waren und nicht wie bei uns im Internet. Aus Österreich war ich gewohnt, dass der Sprachunterricht von muttersprachlichen Professoren gehalten wird, was in Paris nicht immer der Fall war und mich erstaunt hat.
Das Benotungssystem unterscheidet sich ebenfalls maßgeblich in beiden Ländern. In Frankreich darf man sich schon über 13/20 (was in Österreich einer glatten 3 entsprechen würde) freuen; am Anfang war ich aber ziemlich deprimiert über meine Resultate, aber es ist einfach nur ein anderes System und eine Umstellung.
In Frankreich stellen Professoren nach wie vor große Autoritätspersonen dar, d.h. die Beziehung ist nicht ganz so locker wie in Österreich normalerweise, daran gewöhnt man sich aber mit der Zeit. Das Personal im „bureau des relations internationales“ war jedoch jederzeit ansprechbar – wenn man ihre Arbeitszeiten herausgefunden hat (lacht)! Zum Beispiel war es etwas schwierig, meine Aufenthaltsbestätigung im Juli, die ich für die letzte Stipendiums-Rate gebraucht hab, unterschreiben zu lassen, da alle schon im Urlaub waren.


Allgemein kann man sagen, dass die Übersetzungskurse in kleinen Gruppen von Studenten (im Gegensatz zu Wien, wo die Studenten buchstäblich um einen Übungsplatz kämpfen müssen) stattfinden, was die Atmosphäre gleich viel familiärer macht und es war einfach, dort Freunde zu finden, mit denen ich auch noch lange nach meiner Rückkehr nach Wien in Kontakt geblieben bin (und noch immer bin). Die Professoren haben uns Erasmus-Studenten offen willkommen geheißen und unser Dasein ausgenutzt, um viele Gruppenarbeiten zu machen, damit wie gegenseitig von unseren Sprachkenntnissen profitieren konnten.

Die Universität beginnt in etwa Mitte September, es ist also nicht unbedingt sinnvoll, sehr viel früher hinzufahren. Vor der ersten Kurswoche gab es eine sogenannte „Orientierungswoche“ für alle ausländischen Studenten, im Zuge derer ich auch meinen Nebenjob als Animateurin in Kindergärten und Volksschulen bei der Mairie de Paris gefunden habe – das war eine wirklich interessante Erfahrung.



5) Einige praktische Tipps für ausländische StudentInnen :

Mein Vorschlag für alle zukünftigen Erasmus-Studenten in Frankreich wäre, einen französischen Tutor oder « buddy » vor Ort zu haben, der in der Lage ist, Unterstützung bei diversen Behördengängen anzubieten, was meiner Meinung nach eine der großen Schwierigkeiten bei Ankunft in meinem anderen Land darstellt. Es ist außerdem sinnvoll, bei verschiedenen Vereinen von Erasmus-Studenten, bei denen die Organisatoren meistens selbst ehemalige Erasmus-Teilnehmer sind und ähnliche Probleme bewältigt haben, mitzumachen.
Bezüglich einer Unterkunft ist es sicherlich einfacher, sich am Anfang eine temporäre Bleibe zu suchen und dann direkt vor Ort weiterzusuchen. Das Leben im Ausland ist teuer, aber man darf sich nicht entmutigen lassen, wenn eine Anfrage auf ein Stipendium oder einen Zuschuss verweigert wird, sondern muss unbedingt hartnäckig bleiben! Durch meinen Nebenjob konnte ich (gemeinsam mit dem Erasmus-Stipendium) meine Lebenserhaltungskosten tragen und habe gleichzeitig eine Arbeitserfahrung mehr im Lebenslauf! Außerdem ist das eine Möglichkeit, den Arbeitsmarkt im Gastland kennenzulernen und kann gleichzeitig seine Sprachkenntnisse verbessern. Aus dem selben Grund lege ich auch allen, die in einer WG wohnen wollen, nahe, das mit Muttersprachlern zu tun, da man so am Besten in der Sprache profitiert.

6) Aus welchen Gründen würdest du Frankreich empfehlen? Was möchtest du jenen sagen, die wegfahren?


Ich habe mich sofort wohl gefühlt in Frankreich, besonders in Paris. Das Kulturangebot ist wirklich unglaublich reich (ganz besonders gut gefallen haben mir die „Fête de la musique“ und die „Journées du patrimoine“, an denen historische Gebäude und sonst nicht besichtigbare Ministerien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden). Vor allem Studenten können vom Angebot profitieren, da es zahlreiche Ermäßigungen gibt: Kinotickets sind billig, die meisten Museen gratis und -nicht zu vergessen- gibt es die großen Abverkäufe in den Geschäften im Sommer und Winter! Außerdem gibt es auf vielen Universitätsgeländen das sogenannte „Resto U“, was in etwa der österreichischen Mensa entspricht, wo Studenten ausgewogene Mahlzeiten (Vorspeise-Hauptspeise-Nachspeise) genießen können, und das schon um ca. 3€!


Frankreich ist ein geschichtsträchtiges Land großer Offenheit in vielerlei Hinsicht und vor allem die vielen verschieden Kulturen, die aufeinander treffen, haben mich immer angezogen und durch die zentrale Rolle in Europa stellt Frankreich auch den perfekten Ausgangspunkt für alle dar, die politikinteressiert sind, so befindet sich zum Beispiel der Sitz der UNESCO, wo auch Praktikumsplätze angeboten werden, in Paris.

Ganz gleich in welcher Stadt man in Frankreich lebt, dank zahlreichen Angeboten der SNCF (Äquivalent der ÖBB), sind Reisen in andere, umliegende Städte schnell und problemlos möglich – ich selbst habe während meines Aufenthalts in Paris davon profitiert und habe u.a. Bordeaux, Rouen, Fontainebleau und Straßburg besichtigt – manchmal nur als Tagesausflug, manchmal bin ich ein ganzes Wochenende geblieben. Scheut euch nicht davor, mit anderen (Erasmus)-Studenten in Kontakt zu treten, viele freuen sich sehr, dich für ein paar Tage aufzunehmen und im Gegenzug später „deine“ Stadt zu entdecken.


5) Und wie soll es für dich weitergehen, was sind deine Zukunftspläne?

So schnell wie möglich nach Frankreich zurückkehren!
Mein Plan ist es, meinen Master in Politikwissenschaft in Frankreich, wenn möglich in Paris zu absolvieren und davor vielleicht auch ein Praktikum.
Das Masterstudium dort scheint am Besten zu meinen Vorstellungen zu passen und ich wäre sehr interessiert, ein Praktikum zu absolvieren, z.B. bei einer NGO, was mir erlauben würde, einen noch besseren Einblick in den französischen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Im Momente werde ich mich allerdings noch eine Weile auf mein Studium hier in Wien konzentrieren, bevor ich Luftschlösser baue und mich mit regelmäßigen Reisen zwischen Wien und Paris begnügen.



6) Ein Schlusswort ?

Traut euch, auf Andere zuzugehen und zu reden, selbst wenn man Fehler macht; denn je mehr man spricht, desto weniger Angst hat man vor der Sprache.

Nehmt Kontakt auf zu Campus Franche Autriche, das Team beantwortet gerne alle Fragen bzgl. Studium im Ausland und gibt sonstige wertvolle Tipps.
Wenn ihr selbst ehemalige/r Erasmus seid und gerne eure Erfahrung teilen würdet, schreibt uns auf
vienne@campusfrance.org